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Blonde Haare, blaue Augen: «Das Kind nach Mass gibt es bei uns nicht»

23 / 01 / 2015

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(az Aargauer Zeitung von Erna Jonsdottir ) Pränatal-Spezialist Helmut Borgers arbeitet in einer Frauenarztpraxis. Dieses Angebot ausserhalb eines Spitals ist neu im Kanton Aargau. Er erklärt im Interview, was mit den pränatalen Untersuchungen alles möglich ist. Die Schwangerschaft ist eine Abenteuerreise, die nebst viel Freude auch Unsicherheiten und Ängste mit sich bringt. Ein Ultraschall beim Frauenarzt kann zwar Licht ins Dunkle bringen. Frauen oder Paare, die mehr Informationen über die Gesundheit ihres Ungeborenen haben wollen, müssen aber einen Pränataldiagnostiker aufsuchen. Ein Spezialist, der im Aargau bisher «nur» in Spitälern zu finden war. Letzte Woche hat der deutsche Pränataldiagnostiker Helmut Borgers seine Arbeit in der Frauenarztpraxis von Jürgen Schüttpelz an der Badstrasse aufgenommen. Er erklärt, weshalb Schwangerschaften über 40 keine gefährlichen Gratwanderungen sind, welche Untersuchungsmethoden es gibt und warum er zwischen Bonn und der Schweiz pendelt. Herr Borgers, blaue Augen, blonde Haare – gibt es bei Ihnen das Kind nach Mass? Helmut Borgers: Nein, gibt es nicht. Unsere Aufgabe ist die Information und nicht die Selektion. Die Praxis bietet auch die Humangentische Beratung an. Welche Aufgaben hat der Humangenetiker? Borgers: Das Ungeborene könnte eine gravierende geistige Behinderung haben. Oft weisen nur wenige, äusserliche Veränderungen auf genetischen Erkrankungen hin. Diese können leicht übersehen werden. Auch die Familiengeschichte gibt Hinweise auf das mögliche Vorliegen von genetischen Erkrankungen. Der Humangenetiker hat die Aufgabe, solche Erkrankungen zu erkennen und die daraus resultierenden Konsequenzen für Mutter und Kind darzustellen. Eine 40-Jährige hat das grössere Risiko, ein behindertes Kind zu gebären, als eine 25-Jährige. Trotzdem nehmen diese Schwangerschaften zu. Borgers: In Deutschland ist diese Entwicklung gravierend, wir haben kaum Schwangere unter dreissig. Jürgen Schüttpelz: In der Schweiz ist ein ähnlicher Trend festzustellen. Er ist aber verständlich. Frauen wollen nicht immer gleich nach der Ausbildung schwanger werden und eine Doppelrolle in der Familie übernehmen. Meine Frauenärztin sagt, eine Schwangerschaft ab 40 sei wie eine Gratwanderung auf einem brodelnden Vulkan – gefährlich. Borgers: Das ist nicht richtig. Frauen über vierzig Jahre können genauso gut Kinder kriegen wie Frauen unter vierzig. Sie haben nur ein höheres Risiko beispielsweise ein Kind mit einer Trisomie 21, die Ursache für ein Down-Syndrom, zu bekommen. Die Prognose bei einer gesunden 40-Jährigen ist nicht schlechter als bei einer jüngeren Frau, sofern sich nach einer pränatalmedizinischen Untersuchung herausgestellt hat, dass das Kind gesund ist. Jede Frau über vierzig Jahre, die schwanger werden möchte, sollte sich über die Risiken informieren und über die Untersuchungsmöglichkeiten, die es gibt. Die Eltern müssen dann entscheiden, wie viel Sicherheit sie wünschen. Konkret? Borgers: Wollen Sie zu hundert Prozent wissen, ob das Kind eine Trisomie 21 hat, dann sollte man eine Punktion machen. Diese ist im Ergebnis aussagefähiger als die Blutuntersuchungen, weil alle Chromosomenpaare der Zellen untersucht werden. Die Fruchtwasserpunktion ist gefährlich. Machen Sie diese häufig? Borgers: Nein, Fruchtwasser Untersuchungen werden heute nur noch selten gemacht, da die anderen Untersuchungen; Nackenmessung, Ultraschall und Blutuntersuchung immer genauer werden und diese kein Risiko haben. Bei der Punktion besteht ein bedingtes Risiko, das Kind zu verlieren. Risikolos ist der Praena-Test, ein Bluttest, der lange umstritten war, weil er nicht ganz sicher ist. Borgers: Der Praena-Test ist völlig risikofrei. Zudem hat er heute eine gute Qualität. Bezogen auf die geistigen Beghinderungen Trisomie 21, 13 und 18 haben Frauen eine fast 98-prozentige Sicherheit. Da er jedoch nur Aussagen über diese drei Formen der Trisomie macht sowie über die Geschlechtschromosomen, sollte er nur bei unauffälligem Ultraschall angewandt werden. Pränatale Untersuchungen sind auch ethisch umstritten, weil dadurch mehr abgetrieben wird. Raten Sie bei Behinderungen dazu? Borgers: Unsere Aufgabe ist es, Auffälligkeiten des Fötus zu finden und diese mit den werdenden Eltern zu besprechen. Auch liegt die Planung des weiteren Vorgehens oft in unseren Händen. Eine Entscheidung über einen Abbruch fällt immer erst nach Abschluss der Diagnostik. Bei schwerwiegenden Erkrankungen des Fötus würden wir eine umfassende Aufklärung der Eltern, zusammen mit den Humangenetikern, durchführen. Wir beraten ergebnisoffen. Als Alternative wird die Abtreibung erwähnt, wir empfehlen diese aber nicht. Entscheiden müssen die werdenden Eltern. Eltern können diesen Entscheid bei Ihnen fällen. Sind Sie eine Konkurrenz zum Kantonsspital Baden, das ein Kinderwunschzentrum hat? Schüttpelz: Nein, das glaube ich nicht. Das Kantonsspital hat einen klaren, dem Wohl der Öffentlichkeit, verpflichteten Auftrag. In einem Gesundheitssystem sollten Patientinnen und Patienten aussuchen können, wo sie sich untersuchen lassen wollen – sei das in einer privaten Atmosphäre oder in einem grösseren öffentlichen Spital. Sinn und Zweck dieser Praxis ist, möglichst viele Dienstleistungen unter einem Dach anzubieten. Sie sind seit 2003 an der Badstrasse, wieso gibt es das Angebot erst jetzt? Schüttpelz: Die Idee, Pränataldiagnostik anzubieten, war zwar schon lange da. Leider habe ich erst jetzt einen so erfahrenen Arzt wie Herrn Borgers dazugewinnen können. Herr Borgers, Sie sind aus Bonn und bereit dazu, einen Tag pro Woche in der Praxis in Baden zu arbeiten. Wieso nehmen Sie das auf sich? Borgers: Ich arbeite seit 25 Jahren in Köln und überlegte mir, etwas anderes zu machen. Daraufhin habe ich inseriert und abgewartet, was kommt. Das einzige interessante Angebot kam aus der Schweiz. Hier zu arbeiten, ist ein grosser Schritt, den ich mit meiner Familie besprechen musste. Leben Sie bereits in der Schweiz und werden Sie Ihre Praxis in Köln aufgeben? Borgers: Das ist eine wirtschaftliche Frage. Ich habe beschlossen, die Dinge langsam anzugehen. Deshalb arbeite ich vorerst nur Teilzeit in der Praxis in Baden und pendle hin und her. Nur eigene Patientinnen zu behandeln, wird sich kaum auszahlen? Borgers: Ja, das ist richtig. Daher freue ich mich auf die Zuweisungen meiner zukünftigen Schweizer Kolleginnen und Kollegen.

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